Als die Konservendosen sich leerten…

7. Juli 2016|

Behind the scenes bei „Kleiner Mann ganz gross“

Es ist Mitte Juni und ich stecke gerade mitten in der Postproduction zur aktuellen Semesterarbeit für das Sommersemester 2016. Schon ’ne Weile her, dass der Startpunkt für diese szenische Arbeit gesetzt wurde. Mir war ja gleich klar, dass ich mich eigentlich lieber wieder in eine Dokumentation stürzen würde, aber die damals aktuellen Nachrichten im Fernsehen und Radio mussten einfach irgendwie verwertet werden. Man muss sich ja schon stark konzentrieren um überhaupt zu realisieren, wie wir von allen Seiten mit negativen Ereignissen in negativer Berichterstattung bombardiert werden. Das sind nicht nur „News“, sondern vielfach auch einfach dümmliche, reisserische Spekulationen, die wir als gegeben hinnehmen sollen. Und das mal ganz abgesehen von den populistischen Freunden aus der Politik, die uns ja nur mal eben sagen wollen …

Wir wirkt sich das auf Dauer aus? Wohin führt die Verdrossenheit und Agressivität, vorallem bei Menschen schwacher Bildung, Menschen in Isolation und mit einem eh schon verzerrtem Gedankengut? Und wie kann man das filmisch umsetzen, ohne auch schon wieder auf die gleiche Dramatik zu setzen, die der Ursprung dieses ganzen Themas ist?

„Kleiner Mann ganz gross“ war zu Beginn etwas anders gedacht und nannte sich im Arbeitstitel „Ein Sinn im Leben“. Bedingung war allerdings seit dem ersten Gedanken an dieses Projekt, dass Sebastian Billeb die Hauptrolle übernehmen sollte. Sebastian hat mit mir schon vor vielen Jahren kleine Kurzfilme gedreht, die sind immernoch in meinem Besitz, aber wohl eher nicht zu einer Veröffentlichung geeignet. Im 2. Semester hat er Frederic Hansen und mich bei unserer Arbeit „Never trust a stranger“ schauspielerisch unterstützt und überzeugt. Das habe ich ja noch garnicht erwähnt: das alte Dreamteam ist wieder zusammen und so begleiten mich Frederic und Denise Likomeno bei dieser Arbeit.

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(Die erste Besprechung mit Fred, Sebastian und mir. Auf den Zetteln steht die Geschichte, ein Script gibt es zu diesem Zeitpunkt noch nicht)

Die Story war relativ schnell durchdacht, wurde zwischenzeitlich aber mehrfach verkürzt und in ein komprimiertes Script transformiert. Hierbei wurde dann auch relativ schnell klar, dass wir leider NICHT noch einmal im gewünschten Format 16mm Film drehen könnten. Material ist mitlerweile zwar wieder vorhanden, aber das Script war einfach zu lang und komplex, als dass wir hierbei eine Arbeit auf Film noch einmal hätten finanzieren können. Aufzeichnungsapparat war in diesem Falle eine Blackmagic 4k, die uns freundlicherweise von der Firma „inside“ zur Verfügung gestellt wurde. Die Kamera ist in der Lage ein erstaunlich schönes und dynamisches Bild zu erzeugen, WENN man sie mit viel Licht füttert und WENN man von vorn herein den stolzen Cropfaktor von 1,7x in seine Objektivwahl mit einberechnet. WENN man dann noch das komplett schwachsinnige Gehäusedesign ignoriert, das einen dazu anspornen soll Zubehör in der Preisklasse eines vielfachem der Kamera selbst hinzuzukaufen und sich dadurch nicht irgendwie über den Tisch gezogen fühlt, dann ist die Kamera eine exzellente Wahl. Wie gesagt, für uns war sie eine Leihgabe über die wir uns sehr gefreut haben und allgemein eben, ….nennen wir es eine „neue“ Erfahrung.

Der Dreh

Gut vorbereitet haben die Dreharbeiten im April 2016 in der „Motorbar“ in Aachen begonnen. Die optimale Szene für den Einstieg in die Arbeit, sowohl für Sebastian, als auch für uns.

Die Bar ist voll mit Requisiten und Postern, die am Tag zuvor platziert wurden. Einerseits als Deko-objekte und andererseits um moderne Gerätschaften und szenen-unpassendes Inventar zu überdecken. Überhaupt habe ich bei diesem Dreh alle angespornt einmal ganz gezielt Requisiten und Elemente  auszugraben und zu verwenden, die jenseits ihrer Verwendung oder Optik eine besondere Bedeutung (nicht nur, aber auch für denjenigen) haben. Es gibt vieles zu entdecken, sage ich euch!

Übrigens, mit am Set sind hier ein paar Gastrollen aus der Uni und der Familie. Man muss so eine Gangster-bar ja auch irgendwie zu füllen wissen! An der Mikroangel sehen wir Claudio Colonna, der uns bei den Dreharbeiten tatkräftig unterstützt hat.

Es folgten verschiedene Aussenaufnahmen rund um Aachen, währenddessen ging jeden Tag die Locationsuche und die Arbeit um die Besorgung der Drehgenehmigungen weiter. Was stand nicht alles auf dem Plan: Bahn, Kaserne, Arbeitsamt, Schrottplatz etc. ? Letztendlich hatten wir auch einfach eine große Portion Glück, denn es hat irgendwie hingehauen.

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Das Arbeitsamt ließ sich leider nicht mit realen Ortschaften vereinen, drum mussten zwei Räume aus der Uni als Locations herhalten.

Interessanterweise werde ich immer wieder auf den Computer angesprochen, der auf dem Schreibtisch zu sehen ist. Ein alter Atari aus Fred’s Inventar. Ich persönlich habe kein Interesse an Computern und bin ein Kind der 90er. Für mich sieht so oder so ähnlich eben ein Computer aus – zwar explizit von uns ausgewählt, aber nichts was mir in einem Film ins Auge fallen würde. Hier sehen wir übrigens noch den Schauspieler Hans-Jürgen Helsig in der Rolle des „Hans-Jürgen Schmitt“, der gerade in einer Theater-adaption von „Ziemlich beste Freunde“ zu sehen ist.

Die Kaserne, eine tolle Location und vorallem filmisch und fotografisch noch nicht so ausgelutscht, wie viele andere ihrer Art. Hat uns eine Menge Arbeit gekostet bis wir hier drehen konnten…und zuletzt war es wieder einmal Vitamin-B, das alles in die Wege leitete.

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(Zwar schon ein Gruppenfoto, aber noch lange nicht fertig mit dem Dreh)

Zuletzt wurden tatsächlich sämtliche Wohnungs-Innenaufnahmen abgedreht, dies in 2 verschiedenen Locations. Was für eine Sauerei! Wahrscheinlich können wir uns alle noch heute die Zigaretten- und Erdnussflips-reste von den Schuhsohlen kratzen.

Wie man unschwer erkennen kann, eine schweisstreibende Angelegenheit. Die Waffe ist übrigens ein lackierter und mit Instant-kaffee einbalsamierter Kunststoff-dummy. Wo wir beim Thema Postproduction & Effekte angekommen wären.

Postproduction

Die Postproduction zieht sich nun schon einige Wochen hin. Eigentlich starte ich immer sobald eine einzelne Szene abgedreht ist, denn auf diese Art lassen sich schnell Fehler erkennen und gegebenfalls noch beim weiteren Dreh ausgleichen. Bei diesem Film liegt neben dem Schnitt auch eine große Arbeit im Bereich Sound, zudem sind mehrere Einstellungen mit digitalen Effekten versehen, einerseits  als Bereicherung und andererseits um Störfaktoren auszublenden.

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(In einem inaktiven Teil einer aktiven Kaserne mit einer Dummy-waffe drehen ist eine Sache. Knallgeräusche oder Pyroeffekte sind aber definitiv nicht drin, da muss der Computer herhalten.)

Den Artikel beende ich hiermit vorerst, gespannt wartend auf den Input von Samy Oeder, der uns noch einmal einen Score zur Verfügung stellt. Der Film muss Ende des Monats fertig sein und ich bin sicher, er wird.

In die Zukunft schauend haben wir nun den 14.07.16 und wir haben uns gestern auf der Showtime gesehen? Ich hoffe der Film hat gefallen und vielleicht den ein oder anderen kritischen Gedanken hervorgerufen. Das wäre uns gleichermaßen wichtig. Es ist schon seltsam, WIE real und aktuell das Thema des Films in den letzten Tagen doch scheinbar geworden ist.

Unser Protagonist ist ein Verlierer mit politisch inkorrekter Haltung, Gedanken, Sprüchen und Ideen, aber all dies ist ihm nicht angeboren. Augen und Ohren auf!

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