Aus Witz wird Ernst

April 18, 2017|

——Dieser Artikel wird laufend erweiternd——

Hintergrundbericht zum Filmprojekt „Ein Witz“ (2017)

(18.04.17) Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich den benzinartigen Filmduft zum ersten Mal schnuppern durfte und mit Film meine ich Film, nicht SD-Karten oder Festplatten (sollten diese überhaupt riechen!?). Damals haben wir im Zusammenhang einer Semesterarbeit das Experiment gewagt und uns ohne Vorkenntnisse auf ein wunderbares Abenteuer eingelassen, herausgekommen ist dabei „Relapse“. Trotz einiger Unstimmigkeiten dieses Projekts war eine Sache klar: Das Experiment ist auf technischer Seite im Großen und Ganzen geglückt und muss zwingend wiederholt werden. Wer rettet den analogen Film, wenn nicht WIR?

Der Sommer 2016 war eine kreative Qual und die Ideensuche für ein Filmprojekt als Bachelorarbeit wollte einfach nicht so recht in die Gänge kommen, aber es ist ja nichts neues, dass man so etwas nicht erzwingen kann. Zudem änderten sich die allgemeinen Lebenspläne, sodass das vorzeitige Ende des Studiums durch Abschluss in die Ferne rücken sollten. Inmitten dieses kleinen Chaos ereignete sich dennoch ein Gedankenblitz und plötzlich war sie da – DIE neue Idee. Hallelujah…ein herrlicher Moment wenn Kopf und Bauch „Jaaaa!“ schreien.

Angst und Vorurteil vereint an einem Tisch, an meinem TIsch. Kein Ausweg, keine Flucht möglich. Ich habe es geahnt und jetzt ist es da. Ich habe gesagt, wir gehen hier besser nicht rein, aber nein… Und was jetzt? Was…Was in aller Namen erzählt mir mein Gegenüber da?


Preproduktion

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(Frühes Storyboard von Corinna Jegelka)

Die erste Version des Drehbuchs war binnen weniger Stunden geschrieben und trotz 7 weiterer Fassungen im Laufe der nächsten Wochen, ähnelt die Endfassung nun wieder ziemlich genau der ersten. Auch das gehört dazu, man muss einfach alles ausprobieren und durchspielen, finde ich jedenfalls. Zeitgleich zur inhaltlichen Bearbeitung des Projekts, das ziemlich schnell den Titel „Ein Witz“ erhielt, begann die Art von Arbeit, die ich nur allzu gerne verdrängen würde: Organisation.

Organisation von Mensch, Material, Location, Termine….Equipment, Versicherungen, GELD, nochmal Mensch und Termine, und alles ruht auf einem ziemlich zusammengeschusterten Podest: nochmal GELD. Wir erinnern uns, Film ist verdammt teuer, wenn auch mitlerweile wieder deutlich einfacher zu beschaffen. Spulen wir diesen schrecklichen Aufwand ein bisschen vor und kommen zunächst dazu, dass Mensch (in Form von Mitarbeitern und Cast) sowie Equipment sehr schnell gefunden waren. Auf Erstere komme ich später zu sprechen, zunächst zum zweiten Punkt: Diesmal wird auf Super16 gedreht, also der Breitbild-Variante des 16mm Films!

Objekt der Begierde ist die ARRI SR-3 samt Zeiss Distagon Linsensatz – eine freundliche Leihgabe der KHM (Kunsthochschule für Medien Köln). Erste Kameratests sind erfolgreich durchgeführt, die lange Liste von 74 Einzelteilen zur baldigen Abholung liegt vor meiner Nase und der Kühlschrank ist bereits gefüllt mit brandneuem (wohlriechenden) Kodak Vision3 500T Filmmaterial. (In diesem Zuge muss ich traurigerweise erwähnen, dass ich aus Platzmangel meinen gesamten Restvorrat an 16mm Film verkauft habe, denn irgendwie muss man ja auch noch ein paar Nahrungsmittel kühlen…)

Personal! Wen wundert es, Frederic Hansen und Denise Likomeno sind wieder einmal an meiner Seite, diesmal zusammen mit Manoel Mahmd, einem geschätzten Kollegen auf dessen Mitarbeit ich mich bereits freue. Neben diesem Dreamteam gibt es wieder eine Menge Freunde, Helfer und auch Sponsoren, vorallem aber ein paar handverlesene Schauspieler, die bereits viel Zeit und Arbeit in die drei Hauptfiguren investiert haben und auf deren Spiel ich mich schon mit *sadistischem Grinsen freue:

Maik Möller aus Hamburg, Florian Wugk aus Aachen und Maxim Podobed aus Bochum.

(*) Die Story lässt nunmal ein paar böse Gedanken zu…….vielleicht nicht für euch Zuschauer, aber für uns. Oder nur mich als Autor? Wie auch immer, die erste Probelesung war ein hervorragender Mix aus Freude, das Geschriebene erstmals live beobachten zu können und erfürchtigem Schrecken vor den Figuren selbst. Seid ihr nun angefixt?

Eieiei, es ist schwierig 3/4 Jahr Vorbereitung in einem Rutsch herunterzuschreiben und dabei soviele freudige, wie auch stressige Situationen bloß anzukratzen oder gänzlich zu ignorieren. Aber wie mir Jemand flüsterte, wird wohl zusätzlich noch ein Making Of auf Video erscheinen, das vielleicht die ein oder andere vernachlässigte Frage beantworten wird. Der nächste Bericht wird höchstwahrscheinlich nach unserem Dreh Anfang Mai folgen, dann gibt es auch ein paar Eindrücke unserer Location. Bis dahin wird weiterhin fröhlich an Drehplan, Catering, Kostümen und —Requisiten—> gefeilt.

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(—-> Das Bild ist ein filmisches Ratespiel. Her mit euren Ideen!)

(27.04.17) Man könnte meinen, das Lager wäre mitlerweile reichlich gefüllt.

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Wann geht’s nochmal los?


Produktion

(04.05.17) Kaum zu glauben, vor knapp 24h haben wir das Set geräumt, völlig übermüdet, Opfer mittlerer Reizüberflutung und mit schmerzenden Knochen, aber sehr glücklich. Ich glaube dieses Glücksgefühl ist auch das, was mich gerade vom tiefsten Schlaf abhält und hier tippen lässt.

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Es ist im Kasten – nein, eigentlich sind es 5 Kästen bzw. gut kalkulierte Magazinfüllungen, die sich bereits auf den Weg nach Frankreich befinden, um sich dort entwickeln zu dürfen.

Montag, der 1. Mai startete schon früh mit dem Aufbau des Sets, für das wir auch in den folgenden 2 Drehtagen die urige Aachener Kneipe „Kiezkini“ anmieten durften. Das „Kiezkini“ ist dekorativ einer Hamburger Hafenkneipe angelehnt und thematisch passend beschränkte sich unsere Umdekoration im Prinzip nur auf das Anrichten von kontrolliertem Chaos, sowie das austüfteln von möglichen Kamera- und Lichtequipment-positionen.

Nach dem Aufbau folgte die erste, bzw. zweite Probe mit den Schauspielern und ein leider viel zu spätes Abendessen, dessen Wartezeit augenscheinlich nicht nur mir an den Nerven kratzte. („Iss ’n Snickers…“. Ihr kennt ja die Werbung)

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EIne kurze Nacht, ein paar Sorgen hier und da und schon startet der Dreh am Dienstag um die Mittagszeit mit einer wichtigen, aber technisch weniger komplizierten Characterintroduction. Nach der Arbeit mit der St-16 bin ich immernoch verwundert, dass nicht ALLE Filmkameras Lärm machen. Unsere SR-3 ist ja beinahe so leise wie eine Armbanduhr, absolut ungewohnt.

Es ist schön zu sehen, wie das Team zusammenarbeitet, Hand in Hand übergeht und sich langsam eingrooved, sowohl vor- wie auch hinter der Kamera. Die ersten Takes und Szenen benötigen erfahrungsgemäß immer ein bisschen länger, aber hier kommt einfach schnell das Gefühl auf, dass sich die richtigen Leute zusammengetan haben. Nach weiteren Umbauarbeiten und einer Pause für die Schauspieler beginnt der 2. Teil des Drehs am Abend, wo uns zwei tatkräftige Männer aus der Fachhochschule mit schauspielerischen Leistungen unterstützen. Es iäuft gut, der Groove grooved immer mehr und dann ein ziemlicher Downer in Form einer Nachricht: Unser nächster Drehtag muss sich aufgrund äußerer Bedingungen stark verkürzen. Aua.

Ich sage „Nachtschicht“, aber wir sind geschafft, körperlich wie geistig. Ich finde Dreharbeiten furchtbar, furchtbar anstrengend, das ist aber eine ganze Zeit lang garkein Problem, denn man merkt es nicht und vorallem macht es ja riesigen Spaß!

Aaaber…20-30kg Gerätschaften werden minütlich verschoben und getragen, während man sich auf Bevorstehendes vorbereitet, gleichzeitig die Fragen der Teammitglieder beantwortet, sich in deren Arbeit hineinversetzt und imaginär mögliche Fehlerquellen im Schnitt ausschließen will. Ja, es macht riesigen Spaß und ist einfach zu kurzweilig, um die Anstrengung wahrzunehmen, aber irgendwann kommt einfach der Punkt, an dem man schlappmacht. Ich kann keine Prognose ziehen, der Abend ist lang, das Energielevel unten und die Sache mit Drehplan macht immernoch Sorgen. Ich will nur hoffen, dass nach allen Erfahrungen im Filmbereich in diesem Moment genug Routine übrig ist/war, um uns tolle Ergebnisse zu schaffen. Ich glaube es.

Jetzt aber, Tag 3! Einfacher Plan: Früh starten, klotzen, fertigmachen. Zu wenig Schlaf, um sich zu erholen, aber ein Vielfaches an Motivation!

Ich habe mich geirrt. HEUTE sind wir eingegrooved! Nicht nur können wir den verkürzten Drehplan locker einhalten, auch bleiben uns gut 70m an Filmmaterial übrig, dass wir spontan und kreativ für mögliches Schnittmaterial verwenden können. Ich möchte sogar behaupten, dass gerade hierbei noch ein paar visuelle Highlights aufs Material gebrannt wurden! Trotz körperlicher Müdigkeit verschafft uns das ganze eine ungeheure Laune und einen Schub nach vorne!

The End. Kurz vor Abend sind wir durch und verlassen die übel hergerichtete und mitlerweile zur Sauna mutierten Kneipe in besenreinem Zustand. Es bleibt ein fantastisches Gefühl, denn auch die mitlerweile verblassten „Downer“ haben dazu beigewirkt, dass wir toll und produktiv miteinander gearbeitet haben. Ich bin wirklich stolz auf das gesamte Team und sehr dankbar für den gesamten Input von Körper und Geist!

In diesem Sinne möchte ich schon einmal allen danken, die in Vorbereitung oder während des Drehs dabei waren, in irgendeiner Form mit angepackt haben und dieses Projekt möglich gemacht haben!

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(1. Reihe: Christoph Carle, Roxana Strugala, Denise Likomeno, Manoel Mahmd, Maxim Podobed, Natalie Meyer, Frederic Hansen, Claudio Colonna. 2. Reihe: Florian Wugk & Maik Möller)

Nun denn, der nächste Bericht folgt dem Eingang unserer digitalisierten Röllchen…


Postproduktion

(23.05.17) „Post“ ist ein gutes Stichwort! Über was man sich nicht alles Gedanken machen muss, wenn man mit fotoempfindlichen Materialien arbeitet. Zunächst mal – klar, wer entwickelt und scannt uns das Zeug zu einem vernünftigen Preis und wie kommt es dort möglichst wohlbehalten an? Sind eventuell gar Röntgengeräte an den Ländergrenzen im Spiel und wenn ja, wie reagiert der Film darauf?

Unsere 5 Dosen mit einem Gewicht von 2,5kg hat es kurz nach Drehende nach Frankreich verschlagen, wo die Firma „Hiventy“ sich ihnen annahm. Knapp 10 Tage später trudelte dann bereits ein ftp-Link in mein Postfach. Ich sage Euch, die vergangene Zeit und die geladene Datenmenge zu beobachten, das ist wie die kindliche Warterei auf Weihnachten!

Das Material macht einen absolut hervorragenden Eindruck! Keine Spur von Schmutzpartikeln, großartige Kontrastwerte. Und nein, falls Ihr jetzt tatsächlich verwertbare Screenshots erwartet habt, muss ich euch enttäuschen. Hier wird nicht gespoilert. Der Schnitt ist auf einem guten Weg und ich sehe kein Problem darin, den Film auch diesmal wieder bei der Showtime präsentieren zu können. (Die wird vorraussichtlich am 26.07.17 stattfinden, notiert euch das schonmal.)


(29.06.17) Zurück in der Heimat angelangt sind unsere 5 Rollen, die praktischerweise zu einer großen 610m Rolle zusammengepackt wurden. Stück für Stück endet die Arbeit an diesem Projekt, das ist traurig, wie auch erfreulich. Zu diesem Zeitpunkt wäre der Film wohl praktisch vorzeigbar, meine persönliche Deadlne für die übliche Kleinfrickelei wird allerdings die Abgabe zu unserer Sommersemester „Showtime“ sein, wo der Streifen dann hoffentich zu sehen sein wird – vorrausgesetzt die Jury schmeisst ihn beim Check nicht raus.

Vielleicht ist es bereits an der Zeit, ein Résumé zu ziehen, einen weiteren großartigen Beitrag wird es in diesem Artikel ja vermutlich nicht mehr geben.

ich bin froh, dass ich nach der ganzen Zeit vergessen habe, wie aufwendig und nervenaufreibend wieder einmal die Preproduktionsphase war, wenn auch alles durch die vielen helfenden Hände toll geklappt hat! Die Dreharbeiten waren größter Spaß und Anstrengung zugleich, im Nachhinein ärgere ich mich allerdings, dass ich mich selbst viel zu sehr unter Druck gesetzt habe und die ein oder andere spontane, frische Idee vor Ort hätte dem Film sicher nicht geschadet. Aber das ist auch immer sehr leicht gesagt, wenn man nicht mehr in besagter Situation steckt.

Letztendlich werden wir sehen, wie sich der Film so macht. Vielleicht geht er auf Festivals, vielleicht landet er nach der „Showtime“ direkt hier, ich werde berichten.

Ich komme zuletzt nicht drumrum, noch einmal das hervorragende Teamwork in den Vordergrund zu heben! Alle haben geschwitzt, hatten stets eine helfende Hand und haben hoffentlich genausoviel gelernt, wie gelacht. Danke!

Produktion

Christoph Carle
Frederic Hansen
Denise Likomeno
Manoel Mahmd

Crew

Natalie Meyer
Claudio Colonna
Elena Stiebler
Octavian Petreanu
Roxana Strugala

Storyboard

Corinna Jegelka

Musik

Michael Firmont

Herzlichen Dank an

Christian Breuer
Prof. Michael Brucherseifer
Francine Marie Cooper
Burcu Erdal
Prof. Dr.-Ing. Frank Hartung
Simon Hees
René Heß
Norbert Keerl
Prof. Matthias Knézy-Bohm
Jörg Polzin
Hardy Schroeder
Falco Sixel
Harald Steinkamp
Lutz Tegeler
Patrick Theil
Deniz Yücel

Mit freundlicher Unterstützung von

Fachhochschule Aachen
Kiez Kini Aachen
Kunsthochschule für Medien Köln
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