„LOVE“ in Berlin

13. November 2015|

Gaspar Noe’s Preview von „LOVE“ in Berlin

„12.11.2015, 20Uhr: „LOVE: 3D in Anwesenheit von Gaspar Noe“ – so hieß es auf der Website des Berliner Kinos Filmkunst66. Für mich die Einladung zu einer Mission.

Das Ziel: 1) Gaspar in Person treffen 2) Persönliche Grüße meines Filmfreundes Frederic übermitteln 3) Ein Foto machen

Mal eben nach Berlin fliegen, sich diesen Zielen widmen und wieder abdüsen, so sollte es gehen. Ich mag die Stadt nicht und wer sich nun auf den Schlips getreten fühlt, der soll sich bitte einen Eimer und ’nen Schwamm besorgen und mich der Stadt eines Besseren belehren. Wie dem auch sei, der Flieger landet pünktlich und kurz nach Kino-öffnung habe ich mir die reservierten Tickets abgeholt. An der Kasse erfahre ich dann noch, dass die Hauptdarstellerin Aomi Muyock ebenfalls anwesend sein sollte.

Es ist nicht zu überhören und -sehen, dass unzählige Leute in letzter Sekunde ein Ticket vor Ort kaufen wollen, bei 150 Sitzplätzen im Saal war der Ausverkauf jedoch vorhersehbar. Und wo hängt Mr.Noe gerade wohl rum, beim Japaner oder in der äußerst gemütlichen Kneipe gegenüber? Leider nein, mich hat die Reise allerdings sehr wohl hungrig und durstig gemacht.

Was weiss ich überhaupt über den Film selbst? Ein Melodram mit einer gehörigen Portion nackter Haut und das in 3D. In meinen Ohren zunächst eine Totalabsage, aber Noe (und DOP Benoit Debie) wird schon wissen was er tut.

Wir haben also kurz nach 20Uhr, der Kinosaal ist fast voll und wird voller und plötzlich fällt mir zu meiner Linken dieser bärtige Mann mit Glatze auf, neben ihm eine schlanke, brünette junge Frau. (Missionsziel Nr 1 ) Der Moderator begrüßt uns und versucht ziemlich unbeholfen einen Überblick über den Abend und Noe’s Werke zu schaffen. Dann kommt DER MANN samt Hauptdarstellerin selbst nach vorne und läd uns zu seinem Film ein. Der Film beginnt und in den knapp 2Stunden Laufzeit tauchen Noe und Muyock immer wieder eine Reihe vor mir auf und amüsieren sich scheinbar prächtig.

Die Credits laufen ab, Applaus vom Publikum und wieder führt der Moderator beide an die Leinwand. Es dürfen Fragen gestellt werden und die Antworten fallen meist sehr lange und detailliert aus. Ich gebe mir Mühe den Inhalt in bestmöglicher Form durch Mitschrift und Gedächtnis wiederzugeben.

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Psychoaktive Drogen als Inspirationsquelle?

Noe sagt zunächst, dass er niemals den Gebrauch von derartigen Drogen empfehlen würde und einige der schlimmsten Erfahrungen die er je gemacht habe, wären die eines Drogentrips gewesen, den er mit Filmkollegen Jan Kounen in Peru auf sich genommen hat. Kontrollverlust und alptraumhafte Zustände. Er selbst habe damals beim Dreh zu „Irreversible“ Kokain genommen, um körperlich „stark“ genug zu bleiben, viele um ihn herum hätten dies ebenfalls getan. Der Film („LOVE“) solle beispielhaft dafür sein, welche Folgen mit dem Gebrauch von Drogen einhergehen können.

Liebe ist eine Droge

Noe sagt, dass er Krieg, Waffen und Gewalt satt habe und nicht verstehen könne, dass derartige Themen heutzutage in jeglicher Form verkörpert werden dürften, sich aber immer wieder Leute an Sex störten (Bezug auf Amerikaner, Bezug auf das Verbot seines Filmes in Russland). Sein Film sei ein Liebesfilm MIT Sex, denn etwas derartiges habe er selbst noch nie gesehen. Liebe und Sex gehörten zusammen und das schönste Resultat daraus seien Kinder.

Noe erzählt aus seiner Kindheit, dem Aufwachsen in verschiedenen Ländern und seinen Eltern, die zwar keine richtigen Hippies gewesen seien, ihn jedoch immer gelehrt hätten, dass es im Leben um Liebe geht.

Er beschreibt, dass Liebe die stärkste Droge sei die man nehmen könnte. Sie würde einem den ultimativen High-Zustand beschaffen, gleichzeitig könnte sie einen aber auch beinahe umbringen. Er geht soweit die Liebe als biochemischen Mechanismus zu beschreiben, bei dem stimmungsverändernde Stoffe im Körper ausgeschüttet werden. „Is there anybody in the room who did not have this experience?“ Irgendwo vor mir erhebt sich eine Hand. „Then I wish you a good High!“ Noe lacht.

„What’s the most important thing in life?…It’s love.“

Aomi, was hast du aus der Erfahrung mitgenommen?

„Ask me again in 2 or 3 years.“ Die junge Frau macht einen etwas schüchternen Eindruck und wünscht sich immer wieder Darstellerkollegen Karl Glusman herbei, der wohl äußerst gesprächig sei, an diesem Abend aber nicht anwesend ist. Muyock sei keine Schauspielerin, sondern ein Model und sie habe an sich auch kein gr0ßes Interesse an der Schauspielerei. Als Noe sie zum Film überredete, kannte sie „Menschenfeind“, der damals einer ihrer Lieblingsfilme wurde. „Irreversible“ hätte sie erschreckt. Der Film sei großartig, aber sie habe Angst, dass sich jede Art Gewalt immer nur in weitere Gewalt verteile und ausbreite. Die Erfahrung des Filmens von „LOVE“ sei toll gewesen, der Dreh hätte Spaß gemacht, aber vergleichsweise wäre für sie die Erfahrung einer Woche in einem dritten Welt Land vermutlich wesentlich eindrucksvoller. So etwas seien wirkliche Erfahrungen und das ließe sich nicht mit einem Filmdreh vergleichen.

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Die „heikle“ Beziehung zu Karl

Die Frage bezieht sich offenbar auf die körperliche Interaktion der Darsteller im Film.

Karl sei ein sehr höflicher und respektvoller Filmpartner gewesen, aber abgesehen von den intimeren Szenen im Film, habe es weder einen Kuss, noch Flirtereien zwischen den beiden jenseits der Kamera gegeben. Sie seien sehr gut miteinander ausgekommen, „…there were good days, there were bad days“, aber es sei eben nur Arbeit gewesen.

Anekdoten zur Entstehung des Films

Sicherlich kennen die Fans schon die Entstehungsgeschichte des Films, der sich ursprünglich mit dem Schauspielerpärchen Bellucci und Cassel geplant, dann doch zu „Irreversible“ entwickelt hat. Noe gibt diese Geschichte noch einmal kurz wieder. Er erzählt zudem, dass Karls Manager ihm vom „LOVE“-Dreh abriet. Noe habe gesagt „Feuer ihn und mach bei mir mit“ und dies habe er dann auch getan.

Die Finanzierung von „LOVE“ sei kurz vor Drehstart geplatzt und Noe habe sich schon genötigt gesehen ihn selbst zu finanzieren. 2 Tage vor Drehbeginn habe ihn Vincent Maraval (von Wild Bunch Films) angerufen und ihm wie aus Zauberhand das Geld geboten. Vincent sei sein bester Freund und Gaspar freue sich darüber, dass er (Vincent) in „LOVE“ eine kleine Nebenrolle spielt.

Murphy is a filmma….

(Kurze Erklärung: Murphy ist der männliche Hauptprotagonist, gespielt von Karl Glusman. Im Film behauptet er immer wieder er sei „Filmmaker“.)

„No, Murphy is NO filmmaker!

He maybe has one job at the TV, but he has never made a shortfilm or anything. He is a WANNABE filmmaker. The only film he ever did was filming Elektra.“

„What’s the blinking?“

(Kurze Erklärung: Wie auch in „Enter The Void“, benutzt Noe in „LOVE“ von Zeit zu Zeit minimale Schwarzbilder, um Szenen zu teilen.)

Die Verwendung dafür sei auf den 3D Effekt zurückzuführen. Er habe den Film besonders statisch und ruhig drehen wollen, um Anstrengung der Augen zu vermeiden. Viele Szenen habe er mit den schwarzen Frames „sanft“ getrennt und eine Kamerabewegung dadurch gespart. Zudem sei es auch ganz klar ein Trennmittel für schlechte Takes gewesen.

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Schlechte Kritik

Gaspar erzählt, dass die meiste schlechte Kritik über „LOVE“ an Schauspieler Karl Glusman gegangen sei. Er habe dafür überhaupt kein Verständnis, da er authentisch und clever gespielt habe. Noe sagt, es sei eine schlechte Angewohnheit geworden immer über alles meckern zu wollen. Es hätte Leute gegeben, die mochten seinen Film aber hätten sich dann beispielsweise über die Art seiner Titeleinblendung beschwert.

Why did the boy really cry?

Hui…da kommen wir zu einer Sache, die ich mich im Film dann ebenfalls fragen musste. Why did the boy really cry?

(Kurze Erklärung: Es gibt eine Szene, in der ein kleiner Junge zu seinem Vater an die Badewanne läuft und beide weinen.)

Gaspar lacht und erklärt, dass es die schwierigste Szene von allen war. Er habe 2 Stunden daran gesessen. Zunächst einmal hätten sie den Jungen mit Spielzeug und Rasseln hinter der Kamera in den Raum gelockt. Er sollte auf Schauspieler Karl zugehen und ihn trösten. Erstes Hindernis: Die Badewanne sei zu hoch gewesen. Zweites Hindernis: „Murphy (Karl) was supposed to be his dad, but he wasn’t his real dad so the boy gave a fuck about him.“ Noe lacht. Der Faktor der den jungen dann vor der Kamera zum weinen gebracht hätte, wäre die Angst vor dem Duschstrahl gewesen. Er hätte einfach nicht duschen wollen. Aomi fragt in dem Moment, ob es nicht der Kalt/Warm-unterschied der Dusche war. Alle lachen und Gaspar erklärt, dass das tatsächlich ein Problem bei den Shots mit Aomi gewesen sei. Die Dusche sei abwechselnd sehr kalt und sehr heiss geworden.

Der Talk wird durch den Moderator beendet. Ich bin sicher, beide, vorallem Noe, hätten lange weiter erzählen können. Es stellt sich eine Beobachtung ein; Zu Beginn der Vorstellung wirkte Noe ultra-nervös, man konnte seinen schnellen Worten kaum folgen. Im Laufe des Talks entspannt er sich und versucht den Fragen zu seinem Film mit Antworten gerecht zu werden. Er wird ruhiger und es ist ihm deutlich anzumerken, dass er aus dem Herzen redet. Die Ausführlichkeit der Antworten variiert je nach Frage, aber er scheint stets höchst interessiert. Das Thema „Liebe“ scheint dem „Bad Boy“ gänzlich das Klischee zu nehmen – schön so, wie ich finde.

Oh, schon vorbei? Ich hatte doch eine Mission! Auf der Treppe aus dem Kinosaal erwische ich Gaspar noch, ich sende ihm (Missionsziel Nr. 2 ) Grüße von Frederic. Gaspar lacht erst kurz, bedankt sich dann aber. Er gibt mir noch ein Autogramm und geht erst einmal aus der Tür. Ein weiterer Kinogast fragt ihn nach einem Foto, aber er sagt, dass er diese Selfie-sache nicht möge. (Und damit ist Missionsziel Nr. 3 geplatzt) Vor der Tür noch ein kurzer, kurzer Smalltalk und ein Händedruck von dem Mann, der mein Filmverständnis ordentlich auf den Kopf gestellt hat. Gaspars Begleiterin erzählt mir, dass sie alle am nächsten Tag um 6Uhr einen Flieger nach München nehmen müssten, Presseveranstaltung. Sie stünden im Moment in einer Promotion-tour zwischen Japan und den USA.

Ab ins Hotel und den Abend Revue passieren lassen. Ein paar Notizen hier, ein Blick auf mein Autogramm da. Das gleiche noch am Airport am Tag darauf. Insgesamt ein sehr gelungener Kurztrip, wenn dann zum Ende hin auch leider nur kurz, wie ich finde. Noe bleibt in bester Erinnerung und ich freue mich auf seinen nächsten Film und das nächste Treffen, sobald ich „LOVE“ verdaut habe (was jetzt zu keiner Wertung oder einem Spoilern des Films führen sollte).

Mit bestem Dank an Fred für die Kamera.