„Irreversible“ Drehbuch

Januar 17, 2015|

Ich habe schon oft davon gehört, dass Gaspar Noe am Set gerne improvisiert. Das komplette Drehbuch von „Irreversible“ erstreckt sich über 3 Seiten, das sagt wohl alles. Wir haben uns die Mühe gemacht das Script zu übersetzen.

Komplettes Drehbuch

von Gaspar Noe

Vor dem Hintergrund eines Tickens, ein Vorspann einzigartig und prägnant, so wie in den alten Filmen der 50er-Jahre, geht dem Titel voran, welcher auf schwarzem Hintergrund erscheint: IRREVERSIBEL, dann eine Titel-Karte :

Die Zeit zerstört Alles.

Es sind die ersten Lichtstrahlen bei Tagesanbruch. Der Polizeichef geht auf den Eingang einer Sackgasse zu, in welcher sich hinten ein Homo-Club namens „Rectum“ befindet. Die Polizisten sind davor versammelt, offenbar bereit zum Eingriff. Der Polizeichef legt mit seinen Befehlen los und diese belagern die Diskothek, aus welcher sie Pierre herausführen, in Handschellen gelegt und in Blut gehüllt, und Marcus, ausgestreckt auf einer Trage und ebenfalls ganz blutüberströmt. Dann betritt der Polizeichef seinerseits die Diskothek.

Ein wenig früher:

Pierre und Marcus, immernoch unverletzt aber die Augen durch den Hass injiziert, dringen in die Dunkelheit der Diskothek ein auf der Suche nach einem der Stammgäste des Ortes „le Tenia (Bandwurm)“ genannt, von welchem sie nur wissen, dass er eine Narbe im Gesicht hat. In diesen Arenen des Koitus ist die Stimmung auf dem Höhepunkt. Sich bei den Gästen erkundigend, Marcus endet damit, dass er jemanden bei den Toiletten gefunden hat der behauptet „le Tenia“ zu sein, aufgedreht wegen eines Trips. Er beschuldigt ihn sogleich Alex vergewaltigt zu haben, aber statt aller Antwort, lacht „le Tenia“ und beleidigt ihn. Sich nicht mehr beherrschend, attackiert Marcus er ihn mit Hilfe einer Flasche, lässt sich aber sehr schnell unter den aufgeregten Schreien der „Cruiseurs“ den Arm brechen. Während „le Tenia“ Marcus versucht die Hose auszuziehen, erhebt sich Pierre endlich und schlägt dem Mann den Kopf mit Hilfe eines Feuerlöschers ein, schreiend er würde dafür bezahlen, was er Alex angetan hat. Der Todeskampf von „le Tenia“ dauert nur zwei Minuten. Als er endlich stirbt, schwingt Pierre, in Extase durch das Adrenalin, den Feuerlöscher empor.

Ein wenig früher:

Pierre und Marcus steigen in ein Taxi und bitten ins „Rectum“ gebracht zu werden, die Schwulen-Diskothek. Der Fahrer, regt sich über den hysterischen Ton seiner zwei Gäste auf und verlangt mehr Genauigkeit, welche sie unfähig sind ihm zu geben. Der Mann beschließt abzulehnen sie egal wohin zu bringen und zwingt sie an einem Autobahnkreuz der Ringautobahn (Peripherie von Paris) auszusteigen. Darauf folgt nun ein heftiger Wortaustausch im Laufe dessen Marcus alle möglichen rassistischen Beleidigungen und Chauffeur der Schwulenfeindlichen laut werden lässt. Der Fahrer, am Ende seiner Nerven, verlässt sein Taxi, und macht sich mit Pfefferspray in der Hand bereit sie zu besprühen. Pierre schafft es es in seine Gewalt zu bringen, Marcus entreißt es ihm seinerseits und entleert es ins Gesicht des Fahrers. Während der Mann, keine Luft mehr bekommend, am Seitenrand zusammenbricht, nehmen Pierre und Marcus deren Wut immer noch nicht gedämpft ist das Taxi in Beschlag. Ein wenig später sprechen sie einige junge, homosexuelle Drogensüchtige an, die am Straßenrand auf den Strich gehen, und fragen sie aus. Nach nicht endenden lasziven Scherzen verbunden mit dem Namen der Diskothek, beschließt einer von ihnen schließlich ihnen den Weg zu zeigen.

Ein wenig früher:

Auf der breiten Ringstraße, fragen Marcus und Pierre die Transvestiten auf der Suche nach einem gewissen Guillermo Nunez aus. Diese wimmeln sie ab zur schönen Concha, geeigneter ihnen Auskunft zu geben. Nach einigem gesitteten Austausch, droht Marcus, unfähig sich länger zurückzuhalten, ihr sie zu verstümmeln sollte sie sich weigern ihnen die Informationen über jenen Guillermo zu geben, welcher Alex vergewaltigt haben soll. Angsterfüllt beschließt Concha zuzugeben, dass sie es ist, jedoch nie jemanden vergewaltigt hat. Sie scheint dennoch perfekt über den Überfall Bescheid zu wissen und versichert, dass „le Tenia“, ihr alter Protektor, Urheber der Handlung war. Dann, immernoch unter vorgehaltenem Messer, lässt Concha den Namen einer Diskothek fallen, das „Rectum“, wo sie ihn sehr wahrscheinlich antreffen können. In diesem Augenblick bemerken die anderen Transvestiten die Situation und bewaffnen sich mit Steinen und Stöcken und beginnen die zwei „Angreifer“ mit Steinen zu bewerfen.

Ein wenig früher:

Pierre und Marcus hören auf in einem Kleintransporter der Polizei befragt zu werden, als wären sie mögliche Verdächtige in dem Überfall. Marcus bekräftigt, dass er ein Freund und Pierre der Ehemann des Opfers ist. Marcus, der nicht mehr kann, fragt ob sie gehen können. Nachdem sie sie dazu gebracht haben ihre Aussage zu unterzeichnen, geben die Bullen ihr Einverständnis und die beiden Männer betreten die Straße. Einmal draußen, langt Marcus nach einem rostigen Stück Metall und Pierre geradewegs in die Augen schauend murmelt er wie ein Irrer: „Dieser Nunez, man muss ihn wiederfinden, die Schwuchtel, man wird ihn bluten lassen, glaub mir.“ Pierre antwortet nichts, sondern presst bloß den Kiefer zusammen.

Ein wenig früher:

Pierre und Marcus, ein wenig angetrunken, schreiten den kleinen Gürtel entlang. Marcus beklagt sich über Alex‘ Charakter und Pierre macht sich lustig über sie(/ihn?). „Ob du es willst oder nicht, sie ist es die den Schwanz trägt.“ Als sie an einem Krankenwagen und Polizeiautos vorbeikommen, welche sich am Rande der Ringstraße angehäuft hatten, schnappen die beiden ein Gespräch zweier Polizisten auf, dessen Thema die Angelegenheiten von jemandem mit dem Namen Guillermo Nunez, welcher im Tunnel nahe des Opfers rumgehangen hat. Dieser Nunez soll von den Bullen schon „verwarnt“ worden sein, als er gerade hinter dem Friedhof des Batignolles auf den Strich ging. Marcus, schlagartig nervös, versucht sich mehr kundig zu machen. Anscheinend wurde eine Frau in der Unterführung angegriffen. Vergewaltigt und entstellt durch Schläge, sei sie im Koma. Pierre und Marcus, augenblicklich nüchtern, schauen sich mit zunehmender Angst an. Das Herz von Marcus beginnt zu schlagen. Es nichtmehr ertragend, nutzt er einen Moment der Unachtsamkeit der Bullen um die Barrieren zu überspringen und sich in die Unterführung zu schleichen. Pierre wartet draußen auf ihn. Die Schaulustigen mutmaßen, dass es sich bei dem Opfer um eine Nutte des Viertels handeln muss. Plötzlich schallen Schreie der Verzweiflung aus der Unterführung kommend: Es ist Marcus. Sogleich ahnt Pierre alles und stürzt seinerseits in die Unterführung trotz der Postenkette an Agenten, die versuchen ihn zurückzuhalten. Er erreicht Marcus der aus voller Kehle weint, auf Knien vor der Trage, auf welcher Alex(andra), entstellt und im Koma, liegt. Der Umfang des Angriffs wurde sorgfältig abgegrenzt und die Silhouette des Opfers zwischen Blutspuren mit Kreide nachgezogen.

Ein wenig früher:

Alex, freudestrahlend „Disco-römisch“ gekleidet, sagt, im unteren Teil eines Gebäudes, welches Schauplatz einer Feier war, einer Freundin auf Wiedersehen. Sie beginnt sich mit ihrem Freund, zu durchgeknallt, wenn er trinkt, zu streiten. Sie findet sich nun, ein Taxi suchend, auf der Länge der breiten Ringstraße wieder. Auf Empfehlung junger, auf Motorhauben sitzender Prostituierter, geht sie durch eine Unterführung welche den Boulevard durchquert. Im Innern, ein Paar welches dabei ist sich anzuschnauzen. Der Mann ist niemand anderes als der welcher sich neben dem „falschen“ le Tenia befand in dem Moment der Zukunft in welchem letzterer getötet wurde. Er beginnt Concha zu schlagen. Diese ruft Alex um Hilfe, welche in Deckung geht und nun die Wut von le Tenia auf sich zieht. Concha flieht, in Überstürzung den Inhalt ihrer Tasche verschüttend. Allein mit Alex verblieben, bedroht le Tenia sie mit einem Cutter-Messer und beginnt sie wild zu vergewaltigen. Den Nutzen aus einem Moment ziehend, in welchem er nachlässt, versucht Alex zu fliehen. Aber le Tenia fängt sie wieder ein und müht sich mit Fußtritten und Faustschlägen ab.

Ein wenig früher:

Alex tanzt euphorisch inmitten einer schönen Feier. Nicht weit von ihr, lauschen Pierre und eine kleine Gruppe, sich vor Lachen krümmend, den schlüpfrigen Witzen von Romain. Letzterer fährt abrupt mit einer Geschichte fort über einen Clown welcher in einem Zirkus durch einen Hammerschlag seinen Kopf plattdrückt. Das Lied geht zu Ende. Alex lehnt Marcus‘ Extasies ab, weil sie am nächsten Tag arbeiten muss, geht sich etwas zu trinken suchen und erblickt eine schwangere Freundin, beginnt sich mit ihr zu unterhalten. Pierre kommt wieder zu ihnen, bald gefolgt von Marcus und alle drei lauschen dem die Freuden der Schwangerschaft beschreibenden Mädchen. Als sie sich entfernt, fängt Marcus an Alex Freundin zu kritisieren, welche, mit Hinblick auf ihr orientierungsloses Leben, besser Abtreiben solle. Ein wenig dumm, setzt er noch einen drauf. Alex regt sich heftig auf über ihn. Der Ton steigt an und Alex droht die Feier zu verlassen. Pierre hält sie noch ein wenig zurück, ihr sagend, dass das Alter sie jedes Mal schöner aussehen lässt.

Ein wenig früher:

Im Einbruch der Dunkelheit schreiten Alex, Pierre und Marcus einen Park entlang. Pierre, sehr gesprächig, spricht von menschlichem Verhalten und vergleicht es ganz nah mit dem von Affen und Mäusen. Dann fährt er fort mit der Überlegenheit des Mannes, fähig seinen natürlichen Instinkten zu widersprechen. Obwohl seine Vorschläge interessant waren, schienen sie Alex zu ermüden, welche ihn unterbricht. Nach einer Pause, sagt Marcus schließlich Pierre anschauend: „Auf jeden Fall, dass man seinen Frieden gemacht hat“ Pierre antwortet in gleichgültigem Ton, dass als Alex ihn verließ, es nur zur natürlichen Selektion kam, und er weder auf Marcus noch auf Alex sauer sein kann. Und dann ist es bereits die Hälfte seines Lebens und er wird nicht den Rest damit vergeuden über seinen Frust nachzugrübeln. Alex fährt dann fort mit dem Thema der Zeit und der ultrafragmentären Wahrnehmung, die der Mensch besitzt. Sie erzählt lange von einem Buch, welches sie gerade liest, geschrieben von einem Wissenschaftler, der an Vorahnung glaubte, und, den ganzen Morgen seine Träume aufschreibend, schließlich entdeckte, dass es krasse Übereinstimmungen mit dem gab was sich tagsüber ereignete.

Ein wenig früher:

Das Telefon klingelt, Marcus und Alex weckend, umschlungen auf ihrem Bett halbnackt, wie nach einem Liebesakt. Pierre hinterlässt eine Nachricht, dass er in 40 Minuten bei ihnen sein wird und legt dann auf. Nun erzählt Alex Marcus sie hatte einen super-seltsamen Traum gehabt mit einem Tunnel ganz in Rot welcher entzweibricht, der Traum könnte vielleicht daher kommen, fügt Alex darüber scherzend hinzu, dass ihre Regel überfällig ist. Ohne ihren Worten Aufmerksamkeit zu schenken bekräftigt Marcus, dass er froh ist heute Abend seinen alten Freund Pierre wiederzusehen, dem er die Frau weggeschnappt hat. Alex, ein wenig schockiert darüber wie ein Objekt angesehen zu werden, antwortet, dass er Überhauptnichts weggeschnappt hat. Sie war es, die entschieden hat, dass sie nach Jahren geistiger Beziehung ein wenig mehr Fleisch brauchte. Marcus, seinerseits ein wenig beleidigt, fragt sie, ob sie ihn (bloß) für einen Schwanz genommen hat. Worauf sie lachend antwortet: „Für ein Reservoir an Spermien.“ Sie flachsen alle beide und er kitzelt sie. Dann sendet das Radio mitreißende Musik, sie beginnen darauf zu tanzen. Marcus, lebensfroh, fragt sie, ob sie ihr neues Zuhause nicht zu schön findet. Dann will er wissen, ob sie immer bereit für Brasilien ist. Alex befürchtet es sei da zu gewalttätig und schlägt stattdessen Tahiti vor. Das Stück endet, sie geht sich duschen, während er sich seine Kleider anzieht und ihr zuruft, dass er runtergeht Flaschen für die Feier zu suchen. Im Badezimmer öffnet Alex die Schachtel eines Schwangerschaftstests und nachdem sie die Anleitung gelesen hat, geht sie auf die Kloschüssel zu und pinkelt wie angegeben auf den Test. Dann wartet sie auf das Ergebnis, dreißig Sekunden zählend: Die Farbe erscheint, anzeigend, dass sie schwanger ist. Mit schlagendem Herzen verlässt sie das Bad und geht auf das Wohnzimmerfenster zu. Eine ultrasentimentale Musik kommt aus dem Radio. Ganz den Park anstarrend, der sich gegenüber ihrem Appartement erstreckt, lässt Alex Freudentränen fließen.

Ein wenig früher:

Auf dem Rasen im Park gegenüber von Alex‘ Appartement spielen zwei kleine Mädchen im Alter von 2 Jahren nackt in einem aufblasbaren Planschbecken voller Wasser und spritzen sich voll. In ihrer Nähe eine Jugendliche, sicherlich ihr Baby-Sitter, bräunt sich schüchtern in ihrem Bikini. Alex, hochsommerlich und blumig gekleidet, liegt ein wenig weiter im Gras. Sie beobachtet eine Weile gefesselt die Kinder. Es ist ein milder, sonniger Nachmittag. Die Vögel singen. Die Blumen strahlen in Tausend Farben. Dann, die Luft des Parks tief einatmend, liest Alex weiter ihr Buch mit dem Titel: „An experiment with time“ von J.W. Dunne.

Dann eine Titel-Karte: Die Zeit offenbart Alles.

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