Interview mit Frederic Polizine

Juni 15, 2014|

Frederic Polizine (geb. 1977, Marseille) ist wohl größtenteils als wandelndes Stanley Kubrick- und Gaspar Noe-Lexikon bekannt.

Frederic Polizine Interview

Als Webmaster der von mir oft erwähnten Seite “Le Temps Detruit Tout”, hat er sich voll und ganz dem Thema Film und insbesondere den Werken des letzterem Künstlers verschrieben. Was einige Leute vielleicht garnicht wissen: Frederic ist selbst als Regiesseur tätig und hat 2007 seinen Noe-inspirierten Kurzfílm “Oeil Pour Oeil” herausgebracht, welcher sich auf zahlreichen Kurzfilmfestivals auszeichnete. Da ich Frederic nun seit einiger Zeit kenne, wird es Zeit den Film genauer unter die Lupe zu nehmen und  ein paar Fragen zum damaligen Dreh zu stellen.

Interview

Frederic, erzähl uns worum es in deinem Kurzfilm geht!

“Oeil Pour Oeil” ist ein 20minütiger Master-shot, stark inspiriert von Gaspar Noe’s Filmen and besetzt mit einigen seiner Schauspieler, wie z.B Mick Gondouin (“Irreversible”), der französische Performance-künstler Jean-Louis Costes (“Irreversible”) und einer kleinen Gastrolle von Philippe Nahon (“Carne”, “Menschenfeind”, “Irreversible”).Wir haben den Film 2006 in Paris gedreht. Die Story ist ziemlich simpel: Ein Cop will seinen Kollegen rächen, der von einem Drogenpaten getötet wurde. Also betritt er eine Party des Gangsters um ihn umzubringen…

Ich hoffe du hast nichts dagegen, wenn ich dich einen “Semi-Profi” nenne?

Ich weiss nicht, vielleicht ist es so. Ich kann nur sagen, dass es als Amateurprojekt startete und mit der Ambition etwas zu machen, dass einem professionellem Kurzfilm nahe kommt. Zum Beispiel haben wir ja mit professionellen, sowie Amateur-Schauspielern gedreht, einer guten Kamera (Panasonic DCX100) und einem großartigen Makeup-Artist (David Scherer), also stellten wir uns vor, dass wir irgendwo zwischen Amateur-und professionellem Projekt standen, der Begriff “Semi-Pro” scheint korrekt.Davon abgesehen waren wir absolut unabhängig und ohne irgendwelche Grenzen ausser dem Budget  (“Oeil Pour Oeil” kostete etwa 3000€) und der Zeit (Wir drehten an 3 Tagen in Paris).

Wie war denn das Gefühl, als es endlich losging?

Der erste Tag war ziemlich komplex. Es war das erste mal überhaupt, dass ich ein ganzes Team dirigieren musste – auch wenn ich nicht alleine war um das zu machen…aber zumindest alleine mit der Kameraarbeit, denn ich kann es mir überhaupt nicht vorstellen an einem Projekt zu arbeiten und die Kamera nicht selbst zu halten.

Ich entschloss mich (wenn auch gemogelt) den Film in einem einzigen Master-shot zu drehen; wir starteten also auf den Straßen von Paris mit einem langen Monolog, während der Hauptdarsteller Mick Gondouin zu einem ausgemachten Zeitpunkt während der Konversation auf einem Motorrad hinzukommen sollte. Danach sollten wir Mick die Hauptstraße entlang folgen bis er zum Haus käme, wo die Party stattfinden sollte. Es war lang und komplex.Ganz zu Beginn der Dreharbeiten rief mich Jean-Louis Costes an und sagte, dass er nicht sicher wäre, ob er zum Shooting käme! Glücklicherweise war Mick da und redete mit ihm, um ihn zu überzeugen….

Dann das nächste Problem, als wir Stunden später an dem Gebäude ankamen: Der Sicherheitsdienst wusste nichts von unserem Dreh und wollte uns nicht filmen lassen! In diesem Augenblick war ich wirklich wütend. Ich weiss auch garnicht mehr, wie wir die Situation geklärt haben…Das letzte große Problem war die letzte Sequenz im Treppenhaus…Es war bereits später als 22 Uhr und in Frankreich ist es verboten danach noch Krach zu machen – was wir aber mussten! Wir hatten keine Möglichkeiten für viele Takes, das Licht war schlecht und wir waren müde. Dennoch, die Schauspieler waren bereit und wir entschlossen uns einfach zu drehen. Ein, zwei Minuten lang machten wir eine Menge Krach (Schreie, fallende Gegenstände im Treppenhaus) und letztendlich wurde es meine Lieblingsszene des Films! Costes war einfach genial!

Ich erinner mich, dass er uns fragte, ob er Wein haben könne, aber wir fühlten uns nicht wohl dabei. Du musst verstehen, es war das erste mal, dass wir mit den Leuten drehten und wir wussten nicht, wie sie reagieren würden…letztlich bekam er aber seinen Wein und er benahm sich wie ein Gentleman. Beeindruckend. Er machte das einfach perfekt.

Reden wir mal genauer über die Auswahl der Schauspieler und der Stilistik des Films.

Nun ja, als Webmaster der ersten Website über Gaspar Noe habe ich einige seiner Schauspieler interviewt und da ich auch später noch Kontakt zu einigen von ihnen hatte, entschloss ich mich, ihnen eine Rolle anzubieten. Mick und Costes waren dabei und ich hoffte, dass Jo Prestia (der Vergewaltiger in “Irreversible”) ebenfalls käme, aber das geschah aufgrund einiger “böser” Hintergründe nicht…

Wir trafen die Schauspieler einige Wochen vor dem Dreh in Paris. Wir sprachen über die Story und meinen Vorstellungen – nicht mehr. Mick sollte eher still und kalt rüberkommen, Costes sollte ein Drogendealer sein, Ludovic Berthillot sollte der “rechte Arm” des Bosses sein, den Mick aus Rache töten sollte; und Regis Desfeux wäre der Boss. Der Rest des Casts bestand rein aus Amateuren. Dieses erste Treffen war nur um die Schauspieler kennen zu lernen, das Script zu erklären und ihnen zu zeigen, dass wir es ernst meinen. Abgesehen von unserem Makeup-Artist würde Niemand bezahlt werden.Technisch betrachtet wollte ich etwas gewaltvolles, farbenfrohes filmen und lange Shots verwenden. Natürlich unterscheidet sich das Resultat von dem, was ich im Kopf hatte, aber ich bin stolz drauf.

Ich erinner mich, dass ich Monate vor dem Dreh eine Art Steadycam kaufte; Ich trainierte Wochen vor dem Dreh mit einer handlichen, leichten Kamera und als wir dann in Paris die Panasonic bekamen war diese viel zu schwer für mich; auf jeden Fall zu schwer für solch lange Takes (Die ersten paar Szenen sind um die 3min. ohne irgendeinen Schnitt), also gab ich die Steadycam schon in den ersten paar Minuten auf. Ich muss allerdings sagen, dass das Endprodukt für mich steady genug ist und ich bin zufrieden damit.

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Was hat es mit den Verbindungen zu Noe auf sich?

Naja, so stolz ich heutzutage auf mein Werk bin, denke ich, dass Ich damit nichts beweisen kann. Ich meine, es ist “zu inspiriert” von anderen Werken.
Wenn ich Filme schaue, dann will ich keine Kopien anderer Filme meiner liebsten Regiesseure sehen. Es gibt nur einen Stanley Kubrick (Gott), nur einen Gaspar Noe. Wir haben “Oeil Pour Oeil” auf einigen Festivals präsentiert – er wurde auf einem sogar ausgezeichnet, aber nun in der Retrospektive besitzt er zuviel Inspiration von anderen Werken. Es ist schwierig das zu erklären. Allgemein ist so ein Stil eine Herausforderung, aber man kann das nicht mit jedem Projekt machen. Natürlich wollte ich immer eine Homage an meine Lieblingsfilme bringen, aber “Oeil Pour Oeil” ist hierbei zu offensichtlich. Gleichzeitig, wenn ich so ein Ufo-werk wie “Enter The Void” sehe, so voller Inspirationen, aber so persöhnlich und einzigartig, dann glaube ich, dass “Oeil Pour Oeil” so funktioniert, wie er ist; eine Homage und persönliche Freude.

Du hast nicht nur das ganze Projekt aus eigener Tasche bezahlt, du hast dich im Ganzen um die Pre-Production, Produktion und Post-Production gekümmert. Wie konntest du immer die Kontrolle über alles behalten?

Ich hab immer versucht alles selbst zu machen und mich stets geweigert irgendetwas zu ändern, wenn mir Jemand seine Meinung dazu gesagt hat. Ich meine, es gibt Momente, da muss man egoistisch sein – was ich eigentlich nicht bin! Bei “Oeil Pour Oeil” war ich die Mutter mit ihrem Kind. Vielleicht würde das Kind nicht für alle perfekt geraten, aber es wäre mein eigenes, verstehst du? Wenn man das Shooting allein als ein Gemeinschaftsprojekt ansieht, dann war die Postproduction wesentlich persönlicher. Hier wurde niemand ausgeschlossen, aber diesmal habe ich den Film komplett alleine geschnitten. Ich hatte Kontakt zu meinen Assistänten am Telefon oder per Email  – “Oeil Pour Oeil” hätte niemals ohne das Internet funktioniert! –  und einige visuelle Effekte habe ich Jemand kompetenterem überlassen.  Insgesamt hat die Sache 9 Monate gedauert – eine Geburt.
Während dieser langen Zeit bis der Film endlich fertig bearbeitet war, habe ich niemanden irgendetwas davon gezeigt, ausser vielleicht ein paar einzelne Frames und dem Trailer. Das ganze war für mich auch eine ziemlich fragwürdige Zeit. “Wird das Endprodukt gut werden?”

 

Ein paar Worte für zukünftige Amateurfilmer da draussen.

Weisst du, jeder kann mit 2 Hauptelementen erfolgreich sein: einer guten Story und einer guten Vorbereitung. Wenn man jedes kleinste Detail durchgeht, auch wenn es Monate dauert, dann wird alles gut werden. Der ganze kreative Teil kommt von alleine…und vergiss nicht deine Schauspieler zu lenken, ein Fehler den ich gemacht hab, da ich mich zu sehr auf die visuellen und technischen Aspekte konzentriert habe.

Frederic Polizine Interview

Wenn du das Werk nun nochmal als Ganzes betrachtest, würdest du es nochmal machen?

Ich brauche viel Zeit und “Oeil Pour Oeil” war schon eine kleine Hölle. Es gab keine Zeit und das schlimmste war, es gab keine Zeit die Takes vorzubereiten, das war einfach die Hölle. Also wenn ich nochmal drehen würde – es gibt da ein paar Projekte,ja – dann würde ich das lieber Monate oder Jahre vorbereiten und anstelle von 3 Tagen, lieber eine mindestens eine Woche drehen, wenn es um  die gleiche Laufzeit ginge (20min).

Ich brauche Zeit: Zeit zu denken, Zeit zum vorbereiten und Zeit zum drehen. Zeit-mangel macht mich nur verrückt! Letztendlich war “Oeil Pour Oeil” eine aufregende Erfahrung, die jeder mal gemacht haben sollte, ernsthaft! Ich möchte noch etwas hinzufügen über Mick, meinem “Star”. Nach dem Dreh 2006 blieben wir in telefonischem Kontakt.Eines Tages rief er mich an und sagte, dass er Bauchspeicheldrüsenkrebs habe. Es war das erste mal, dass ich mit einer solchen Sache konfrontiert wurde. Jahre später nun schien er geheilt zu sein und es wäre auch ein echtes Wunder gewesen, wenn er nicht vor ein paar Wochen gestorben wäre. Danke für deine Fragen!

Frederic Polizine Interview